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Eine Ode an die Grobheit

Warum wir Menschen verletzen, die wir lieben, ist oft schwer zu verstehen. Hinter unserer Grobheit können Schmerz und Überforderung liegen. Doch unsere Gefühle zu verstehen, entbindet uns nicht von der Verantwortung für unser Verhalten.Warum wir Menschen verletzen, die wir lieben – über innere Erlaubnis und äußere Verantwortung.

Was geschieht, wenn wir die Grobheit nicht wie Unkraut aus unserem inneren Garten herausreißen? Wenn wir sie für einen Moment als einen Teil von uns betrachten, der zu uns gehört – und versuchen zu verstehen, was sich unter ihrem weitverzweigten Wurzelwerk verbirgt?

Vielleicht gelangen wir dann zu einer tiefen Schicht voller Kraft und Energie.

Grobheit zeigt sich in unseren Beziehungen zu anderen Menschen. Aber sie zeigt sich auch in der Art, wie wir mit uns selbst umgehen. Mich interessieren dabei zwei Aspekte: ein psychologischer und ein ethischer. Erst wenn wir beide miteinander verbinden, kann sich wirklich etwas verändern.

Warum wir Menschen verletzen: Was sich hinter Grobheit verbirgt

Grobheit ist häufig der Versuch, die eigene Schwäche, den eigenen Schmerz und die eigene Verletzlichkeit zu verbergen. Sie kann entstehen, wenn ich meine Grenzen verteidigen möchte, aber noch nicht weiß, wie das geht. Wenn mir die innere Kraft oder die Worte fehlen, um klar und gleichzeitig respektvoll zu sagen: Bis hierhin und nicht weiter.

Dann spricht die Grobheit für mich.

Manchmal bedeutet sie: Ich habe Angst. Ich bin erschöpft. Ich fühle mich hilflos. Ich möchte, dass meine Bedürfnisse gesehen werden, und zweifle gleichzeitig daran, ob sie überhaupt eine Berechtigung haben.

Nicht selten ist Grobheit eine erlernte Sprache der Beziehungen. Vielleicht wurde mit mir als Kind grob gesprochen. Vielleicht wurde ich beschämt, erniedrigt oder nicht als eigenständiger Mensch wahrgenommen. So habe ich gelernt, dass Menschen auf diese Weise miteinander umgehen können.

Später wiederhole ich diese Sprache. Vielleicht nur in extremen Situationen, in denen ich keine anderen Möglichkeiten mehr finde. Vielleicht aber auch beiläufig und beinahe unbemerkt, weil sie mir so vertraut geworden ist.

Der Gerechtigkeit halber muss ich hier erwähnen: Grobheit entsteht nicht nur aus Verletzlichkeit. Sie kann auch Macht herstellen. Andere Menschen werden still, weichen zurück oder tun, was von ihnen verlangt wird. Deshalb reicht es nicht, nur nach der inneren Not eines groben Menschen zu fragen. Wir müssen auch sehen, was sein Verhalten in der Beziehung bewirkt.

Gerade gegenüber den Menschen, die uns am nächsten stehen, zeigen wir manchmal Seiten von uns, die wir in der großen Welt sorgfältig zurückhalten. Wir fühlen uns bei ihnen freier und sicherer. Doch Sicherheit darf nicht bedeuten, dass der andere Mensch zum Ort wird, an dem wir unsere nicht verarbeiteten Gefühle abladen.

Ist Grobheit Gewalt?

Grobheit tut weh. Auch dann, wenn keine bewusste Absicht dahintersteht, den anderen Menschen zu verletzen.

Das ist ihr Paradox: Ein Mensch handelt vielleicht aus Angst, Überforderung oder Hilflosigkeit – und verursacht dennoch Schmerz.

Nicht jede grobe Äußerung ist mit Gewalt gleichzusetzen. Doch Grobheit kann zu psychischer Gewalt werden, wenn sie Menschen erniedrigt, einschüchtert oder unter Druck setzt.

Die Verletzlichkeit eines Menschen kann erklären, warum er grob geworden ist. Sie gibt ihm jedoch nicht das Recht, einen anderen Menschen zu verletzen. Und sie verpflichtet den anderen nicht dazu, Verständnis zu haben oder die Grobheit zu ertragen.

Psychologisches Verstehen und ethische Verantwortung dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Ich kann mir selbst sagen:

Ich sehe, dass ich aus meiner Not heraus gehandelt habe.

Und gleichzeitig:

Was ich getan habe, hat den anderen Menschen verletzt. Es tut auch mir weh, das zu sehen. So möchte ich andere nicht behandeln.

Innen Erlaubnis, außen Verantwortung

Vielleicht liegt genau hier der Kern:

Im Inneren brauche ich die radikale Erlaubnis, alles wahrzunehmen, was in mir geschieht. Nach außen trage ich Verantwortung dafür, was ich davon zeige und wie ich mich verhalte.

Für das Erste kann systemische Beratung und Therapie hilfreich sein. Für das Zweite brauchen wir die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – und oft auch Übung, Unterstützung und konkrete Strategien. Diese Bereitschaft, immer wieder auf das eigene Handeln zu achten, nenne ich ethische Disziplin.

Therapie kann mir helfen, meine Wut, Angst, Erschöpfung, Scham und Hilflosigkeit nicht aus meinem Inneren zu verbannen. Sie kann mir helfen, auch den Wunsch wahrzunehmen, zu schreien, den anderen wegzustoßen oder ihm meine eigene Verletzung zurückzugeben.

Nicht alles, was in mir auftaucht, gefällt mir. Trotzdem darf es da sein.

Das innere Ja bedeutet nicht, dass jedes Verhalten erlaubt ist. Es bedeutet, dass ich mich nicht dafür bekämpfen muss, dass ein bestimmter Impuls oder ein bestimmtes Gefühl in mir entstanden ist.

Ich kann wahrnehmen:

Ja, ich möchte gerade schreien.
Ja, ich will dich abwerten oder mich verschließen.
Ja, ich bin erschöpft und kann gerade nicht mehr.
Ja, ich möchte nicht, dass es so ist.
Und ja, ich kann im Moment nicht einmal aufhören, dagegen anzukämpfen.

Auch dieser Kampf darf gesehen werden.

Manchmal entspannt sich etwas, wenn ich für einen Augenblick nichts verändern muss, sondern einfach anerkenne, was da ist.

Doch nicht alles, was in mir geschehen darf, muss zu einer Handlung werden. An diesem Punkt beginnt die Disziplin.

Disziplin als eine Form der Liebe

Mit Disziplin meine ich nicht, Gefühle zu unterdrücken oder sich mit Gewalt dazu zu zwingen, ein guter Mensch zu sein. Unterdrückung kann einem Staudamm gleichen: Der Druck wächst, bis er irgendwann nicht mehr gehalten werden kann.

Disziplin bedeutet für mich, Verantwortung für die Form zu übernehmen, die mein inneres Erleben nach außen bekommt.

Was mache ich mit meiner Wut?
Wie spreche ich?
Wie schaue ich den anderen Menschen an?
Bleibe ich im Gespräch, obwohl ich längst nicht mehr in der Lage bin, mich zu regulieren?
Kann ich rechtzeitig eine Pause machen?
Kann ich sagen: „Ich kann gerade nicht weiterreden. Ich brauche Abstand“?

Manchmal besteht Disziplin nicht darin, länger auszuhalten. Manchmal besteht sie darin, früher aufzuhören. Den Raum zu verlassen. Um Unterstützung zu bitten. Eine Grenze zu setzen. Sich auszuruhen, bevor aus Erschöpfung Aggression wird.

Disziplin ist dann keine Härte gegen mich selbst. Sie ist praktische, wiederholte und konsequente Liebe – zu mir und zu den Menschen, die mit mir leben.

Therapie kann mir helfen, keine Gewalt gegen mein eigenes Erleben auszuüben. Wenn ich mir erlaube, wahrzunehmen, was in mir geschieht, wird es oft leichter, diszipliniert und verantwortlich zu handeln. Die Verantwortung für mein Verhalten nimmt mir diese innere Erlaubnis jedoch nicht ab.

Warum wir Menschen verletzen, obwohl wir sie lieben

Bei diesem Thema zeigte sich für mich, dass meine Wut und meine Gereiztheit erst dann der Geduld, Fürsorge und Liebe, die sowieso schon da waren, Platz machen konnten, als ich mich meinem Schmerz gestellt und zu meinen Gefühlen Ja gesagt hatte.

Meine Mutter lebt seit einem schweren Unfall mit einer Behinderung. Ich habe sie mehrere Jahre liebevoll gepflegt und begleitet – in der Hoffnung, dass sie wieder fit und wieder sie selbst werden würde.

Irgendwann nahm ich wahr, dass ich trotz einer Besserung ihres Zustandes manchmal sehr ungeduldig und herablassend wurde. Ich war sehr fordernd. Ich wollte, dass sie mich versteht und Wörter sagt, die sie in diesem Moment nicht sagen konnte. Ich erwartete von ihr Fähigkeiten, über die sie nach dem Unfall nicht mehr zuverlässig verfügte. Dadurch wurde meine Hoffnung für sie zu zusätzlichem Druck.

Ich hatte den Eindruck, dass sie mich schon einmal besser verstanden hatte und all diese Wörter hatte sagen können. Für mich war nicht nachvollziehbar, warum es jetzt nicht funktionierte. Das machte mich wütend. Je mehr ich aus meiner Verzweiflung heraus versuchte, ein Wort von ihr zu bekommen, desto schwieriger wurde es.

Ich dachte, ich wäre von der Pflege erschöpft. Ich begann eine Therapie und arbeitete an meiner Müdigkeit und Erschöpfung. Meine Gereiztheit verschwand jedoch nicht, obwohl ich mir Raum nahm und nicht mehr müde war.

Dann bemerkte ich, dass mein Verhalten sie zunehmend verunsicherte und unter Druck setzte. Es hat mir unglaublich wehgetan, zu sehen, dass ich ihr zwar ungewollt, aber dennoch mit meinem Verhalten Leid zufügte.

Das war der Wendepunkt für mich. Ich wollte das wirklich nicht mehr. Ich entschied, alles dafür zu tun, dieses Verhalten zu verändern.

Ich wusste, dass ich sie liebe. Ich glaubte, ihr mit meinen Forderungen dabei zu helfen, wieder besser sprechen zu können. Ich war überzeugt, dass sie das schon einmal gekonnt hatte. Aber meine gute Absicht änderte nichts daran, dass mein Verhalten für uns beide schmerzhaft war.

Ich teilte diese Erfahrung mit meinem Freund und Partner, und er fragte mich: „Wen forderst du auf, wenn du etwas von ihr willst und sie dich nicht versteht?“

Dann verstand ich, dass ich all meine Erwartungen und Forderungen nicht an die Person gerichtet hatte, die da war, sondern an diejenige, die sie nie wieder sein würde – egal, wie sehr ich mich anstrengte und wie viel ich von ihr verlangte.

An der Vorstellung festzuhalten, dass sie eigentlich besser sprechen könnte, und mich darüber aufzuregen, wenn ihr ein Wort nicht gelang, war einfacher, als den Schmerz darüber zuzulassen, dass sie nicht mehr dieselbe sein würde wie vor dem Unfall.

Ich weinte. Diese Erkenntnis war sehr schmerzhaft.

Diesen Schmerz zuzulassen, dauerte lange. Die Grobheit hatte mich die ganze Zeit davor bewahrt, ihn zu spüren. Aber sie hatte dabei einen Menschen getroffen, den ich liebe.

Seitdem sehe ich meine Mutter anders: als eine Frau, die mit Einschränkungen lebt und auf Unterstützung angewiesen ist. Eine Frau, die nach wie vor ihr Bestes tut.

Ich musste sie neu kennenlernen. Und ich kümmere mich gern um diese neue Mutter von mir, die ich genauso liebe – oder vielleicht ein wenig mehr. Jeden Tag entsteht aus dem Schmerz irgendwie auch die Kraft, menschlich und liebevoll zu bleiben.


Von Vera Andreyanova, psychologischer Beraterin und systemischer Therapeutin. Ich begleite Einzelpersonen, Paare und Familien in Köln und online.