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Angst vor dem Scheitern: Was passiert, wenn wir lernen zu scheitern?

Was, wenn Scheitern gar nicht das eigentliche Problem ist?

Vor einiger Zeit habe ich mich in Deutschland auf eine Stelle als Dozentin für systemische Therapie beworben – und dabei stark die Angst vor dem Scheitern gespürt. Natürlich auf Deutsch. Ich kam durch die erste Auswahlrunde, wurde zum Gespräch eingeladen und sollte am Ende innerhalb von 30 Minuten ein Zoom-Seminar gestalten, damit die Teilnehmenden ein Gefühl dafür bekommen, was systemische Therapie überhaupt ist.

Eine Aufgabe, die sich fast unmöglich anfühlte.

Ich war unsicher wegen meines Deutschs, bereitete mich übermäßig vor und wollte alles möglichst richtig machen. Am Ende bekam ich die Stelle nicht.

Und trotzdem blieb etwas anderes stärker zurück als die Absage selbst: Ich war stolz darauf, dass ich es überhaupt versucht hatte.

Vielleicht beginnt genau dort etwas Wichtiges. Nicht bei Erfolg oder Misserfolg, sondern bei der Frage, wie wir mit ihnen in Beziehung treten.

Wer entscheidet eigentlich, was Scheitern ist?

In der Vorbereitung auf dieses Seminar bin ich auf Heinz von Foerster gestoßen. Seine Gedanken haben mein Verständnis systemischer Therapie noch einmal verändert und vertieft.

Ein zentraler Gedanke des radikalen Konstruktivismus lautet:

Ich bin Teil der Welt, die ich erschaffe.

Das bedeutet nicht, dass wir alles kontrollieren können. Krankheiten, Verluste, Absagen, Fehler oder Krisen lassen sich nicht einfach verhindern. Wir können uns nicht aussuchen, was uns oder unseren Familien widerfährt.

Aber wir beeinflussen, in welcher Beziehung wir zu dem stehen, was geschieht.

Und genau dort entsteht oft psychischer Handlungsspielraum.

Systemische Therapie beschäftigt sich deshalb nicht nur mit Ereignissen selbst, sondern auch mit den Bedeutungen, die wir ihnen geben. Was für die eine Person eine Niederlage ist, erlebt eine andere vielleicht als Entwicklung, Übergang oder Lernerfahrung.

Die Frage ist also nicht nur:
„Was ist passiert?“

Sondern auch:
„Welche Geschichte erzähle ich mir darüber?“

Was steckt hinter der Angst vor dem Scheitern?

Viele Menschen glauben, sie hätten Angst vor dem Scheitern.

Aber häufig liegt darunter etwas anderes:
die Angst vor Beschämung.

Die Angst, sich zu blamieren.
Nicht zu genügen.
Ausgeschlossen zu werden.
Nicht mehr dazuzugehören.

Scham entsteht oft dort, wo wir erlebt haben, dass Fehler, Anderssein oder Unsicherheit mit Abwertung beantwortet wurden.

Dann versuchen wir, Kontrolle zu entwickeln:
mehr Leistung,
mehr Vorbereitung,
mehr Anpassung,
mehr Perfektion.

Nicht unbedingt, um erfolgreich zu sein — sondern um nicht verletzt zu werden.

Vielleicht geht es nicht darum, Angst oder Scham loszuwerden

Lange dachte ich, Entwicklung würde bedeuten, irgendwann keine Angst, keine Unsicherheit und keine Scham mehr zu spüren.

Heute sehe ich das anders.

Vielleicht liegt Veränderung nicht darin, bestimmte Gefühle loszuwerden.

Nicht Angst.
Nicht Scham.
Nicht Unsicherheit.

Vielleicht beginnt etwas Neues genau dort, wo wir aufhören, permanent gegen diese inneren Zustände zu kämpfen.

Denn oft steckt hinter Scham oder Angst ein älterer Schmerz:
die Erfahrung, nicht dazuzugehören,
falsch zu sein,
zu viel oder nicht genug zu sein.

Diese Erfahrungen verschwinden nicht.

Meine Scham verschwindet nicht einfach.
Meine Fehler auch nicht.
Meine Unsicherheit ebenfalls nicht.

Aber wenn ich nicht mehr versuche, bestimmte Teile von mir wegzumachen, entsteht manchmal etwas Überraschendes:
Ich kann anfangen, auch mit ihnen in Beziehung zu sein. In guter Beziehung zu sein.

Dann muss Angst nicht verschwinden, damit ich handeln kann.
Dann muss Scham nicht weg sein, damit ich sichtbar werden darf.

Und vielleicht entsteht genau dort mehr innere Kraft:
nicht weil plötzlich alles leicht wird,
sondern weil ich aufhöre, gegen mich selbst zu arbeiten.

Wenn mehr in mir willkommen sein darf, fühle ich mich oft auch mehr bei mir selbst.

Und aus dieser Verbindung heraus wird Leben vielleicht echter.

Vielleicht müssen wir lernen, auch in Misserfolg zu investieren

Vielleicht investieren viele Menschen ihr Leben lang vor allem in Sicherheit:
in Kontrolle,
in Vorbereitung,
in Fehlervermeidung,
in das Bedürfnis, alles richtig zu machen.

Aber Entwicklung entsteht oft an anderen Orten.

Manchmal müssen wir lernen, auch in Erfahrungen zu investieren, die sich zunächst wie Misserfolg anfühlen. Weil gerade dort oft etwas entsteht, das Erfolg allein nicht hervorbringen kann:

mehr innere Beweglichkeit,
mehr Selbstkontakt,
mehr Freiheit von äußerer Bewertung.

Denn Erfolg bestätigt häufig nur das, was wir bereits können. Niederlagen dagegen zwingen uns oft dazu, innerlich weiterzugehen.

Worin möchte ich eigentlich investieren?

Vielleicht geht es im Leben nicht nur darum, möglichst wenig Fehler zu machen.

Vielleicht geht es auch darum, die eigene Unsicherheit tragen zu lernen, ohne sich dabei selbst zu beurteilen.

Weiterzugehen, obwohl Angst auftaucht.

Sichtbar zu werden, obwohl Scham spürbar bleibt.

Und sich immer wieder zu fragen:

Worin möchte ich eigentlich investieren?

In permanente Selbstkontrolle und Sicherheit?

Oder in die Fähigkeit, mit mir selbst verbunden zu bleiben — auch dann, wenn etwas nicht gelingt und schwierig ist?

Wenn ich irgendwann auf mein Leben zurückblicke, möchte ich nicht nur die Momente sehen, in denen alles funktioniert hat.

Ich möchte sehen, dass ich in unsicheren Situationen mit meiner eigenen Stimme gesungen habe, dass ich mir Dinge zugetraut habe, die sich zu groß angefühlt haben – nicht nur um Erfolg zu haben, sondern um mich zu trauen und mir Raum zu nehmen.